„…es bleibt nicht so anonym.“

Von Reto Waser

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Das Pilotprojekt „Nachbarschaft“ bringt Nachbarn zusammen und wird vom Kompetenzzentrum Alter der Stadt Bern gemeinsam mit Partnerorganisationen realisiert. Laut Projektleiterin Simone Stirnimann war der Start sehr erfolgreich.

Das Interview finden Sie als Video auf www.schoenau-sandrain.ch

Der Aufruf zur Freiwilligenarbeit klingt idealistisch. Wie würden Sie jemanden zum Mitmachen bei „Nachbarschaft“ motivieren?

Speziell an „Nachbarschaft Bern“ ist, dass Nachbaren zusammen gebracht werden. Das zeigt sich auch bei den Freiwilligen. Diese sind zwischen 23 und 85 Jahre alt. Sie sagen: „Mir ist die Gemeinschaft und das Soziale wichtig. Und wenn ich im Quartier etwas machen kann, dann ist ein kleines Engagement mit der Arbeit vereinbar. Auch bleibt dadurch das Zusammenleben nicht so anonym wie es sonst in der Stadt Bern vorkommt.“

Wo stehen Sie mit diesem Pilotprojekt und wie sind Sie organisiert?

Ich bin Projektleiterin dieses Projekts. Das bedeutet: Webseite bearbeiten, Gesprächsleitfäden und Anmeldeformulare erarbeiten, Gespräche mit den Freiwilligen führen, um herauszufinden was sie genau tun wollen, Leute vermitteln. Ich mache einfach alles. Das Ziel ist später ein Projektteam, das mich in der Arbeit unterstützt. Im Juni startete das Projekt. Im September besuchten wir die ersten Anlässe mit unserem Stand. Auch der Kick-off Anlass war im September. Inzwischen ist das Pilotprojekt offiziell lanciert. Bereits sieben Tandems sind unterwegs. In der Regel ist jeweils ein Freiwilliger für jemand zuständig. Solche Tandems bestehen über längere Zeit. Fünf Weitere sind in den nächsten zwei Wochen geplant. Das Projekt läuft jetzt wirklich an. Aktuell kommen jede Woche ein bis zwei Anmeldungen hinzu. Freiwillige melden sich momentan mehrheitlich aus dem Mattenhof-Quartier. Im Weissenstein-Quartier gibt es Anmeldungen von jungen und älteren Freiwilligen, weil die dortige Eisenbahner Baugenossenschaft eine unserer Partnerorganisationen ist. Die Quartiere Schönau, Sandrain und Marzili stecken diesbezüglich noch in den Kinderschuhen. Ich bin laufend unterwegs. Momentan kontaktiere ich die Vereine. So, dass es hoffentlich immer mehr Anmeldungen gibt.

Wie können Interessierte unseres Quartiers mitmachen, wenn sie Unterstützung erhalten oder anbieten wollen und was können sie vom Projekt „Nachbarschaft“ erwarten?

Wer Internetzugang hat, kann sich auf der Webseite nachbarschaft-bern.ch informieren. Vielleicht finden Sie einen Flyer in einem Kaffee. Auch gibt es eine Telefonnummer, die zu bestimmten Zeiten bedient ist (031 321 76 50). Ausserdem suche ich laufend Multiplikatoren – Leute, die viele Leute kennen, die mithelfen das Projekt bekannt zu machen. Was die Freiwilligen anbieten wollen, ist sehr unterschiedlich. Auf dem Flyer und der Webseite schlage ich beispielsweise vor, mit älteren Menschen Besuche oder Ausflüge zu machen oder diese zum Arzt zu begleiten. Es kann auch einfach Gesellschaft leisten sein, vorlesen für Leute die nicht mehr gut sehen oder nicht lesen können, auch das gibt es. Vor kurzem hatten wir eine Familie, die ein Ersatzgrosi suchte und dieses jetzt vermittelt bekommt. Oder einem älteren Herrn vermittelte ich zwei junge Leute zum jassen. Er hatte schon jemand, aber zu viert ist es schöner. Die Vielfalt ist gross und das Angebot lebt von den Anfragen die wir erhalten. Jemand hat sich gemeldet, der gerne gelegentlich mit einem Hund spazieren gehen möchte, weil er aus Zeitmangel keinen eigenen haben kann.

Wie gehen Sie bei Anfragen konkret vor?

Ein aktuelles Beispiel: Heute Morgen kam eine Anfrage einer älteren Dame rein. Sie wünscht sich etwas Gesellschaft, oder vielleicht ab und an einen gemeinsamen Spaziergang. Dann schaue ich, wo die Dame zuhause ist und wie oft sie Unterstützung wünscht. Mehrere Freiwillige haben nur einmal pro Monat Zeit und wollen sich trotzdem engagieren. In der Regel muss ich zuerst prüfen, ob ich jemanden zur Verfügung habe. Wenn ja, kontrolliere ich die Distanz. 15 Minuten Fussweg oder Velofahrt ist das Limit und sollte nicht überschritten werden. Falls im Freiwilligen-Pool niemand zur Anfrage passt, prüfe ich je nach Dringlichkeit, ob eine Triage zu einem anderen Angebot möglich wäre. Falls sie aber ein, zwei Wochen warten kann, suche ich nach einer geeigneten Person. Bei Personen, die sich als Freiwillige melden, läuft es ähnlich. In einem ersten Gespräch versuche ich herauszufinden, was eine Person leisten kann und wie flexibel sie ist. Sind zum Beispiel Kinder eine Option oder nur ältere Personen? Danach schaue ich nach, ob ein entsprechender Bedarf besteht, oder ob die Sache noch ein bisschen Zeit braucht.

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Wie kam es zum Projekt „Nachbarschaft“?

Wir stellen fest – Vereinsamung ist zunehmend ein Thema. Dieses Problem kennen wir vorwiegend in der Stadt und wollen etwas entgegensetzen. Sobald ich vom Projekt erzähle, erhalte ich sehr positive Reaktionen. Das zeigt sich insbesondere bei den Freiwilligen. Viele junge Leute wollen sich gerne engagieren, umso Leute kennen zu lernen. Die Beweggründe sind sehr vielfältig. Klar gibt es Organisationen die skeptisch sind und meinen: „Ihr bietet dasselbe wie wir an, aber einfach gratis“. In solchen Situationen weise ich darauf hin, dass unser Angebot eine Ergänzung zu bestehenden Angeboten ist.

Werden die Freiwilligen kompetent genug sein? Wie wird die Schnittstelle zu den Profis definiert und sichergestellt?

Die Abgrenzung zwischen freiwillig und professionell geschieht allein schon durch die zeitliche Limitierung des Angebots auf wöchentlich drei Stunden. Viele der Freiwilligen sind berufstätig und können auch nur ganz wenige Stunden oder vielleicht nur jede zweite Woche etwas anbieten. Durch diese Limitierung kann ein grösserer Bedarf gar nicht abgedeckt werden. Das definiert den Unterschied. Von der Tätigkeit her geht es mehrheitlich darum, Gesellschaft zu leisten. Sobald es klar um eine pflegerische Aufgabe geht, kann und will ich das von den Freiwilligen nicht erwarten. Es geht um Tätigkeiten wie Einkaufen. Das sind kleine Dienstleistungen ein oder zweimal pro Woche – spazieren, einander stützen. Zum Jassen braucht es keine Ausbildung, man muss einfach jassen können. In einzelnen Fällen geht es um die Betreuung dementer Leute, damit die Ehepartner einen Freiraum kriegen. Dort erhalten die Freiwilligen von den Angehörigen die wichtigsten Informationen. Eine Schulung im eigentlichen Sinn gibt es aber nicht. Es gibt einfach ein Erstgespräch, bisher mit mir. Da wollen wir herausfinden, wo jemand besondere Stärken aufweist. Oder, vielleicht bringt jemand spezielles Wissen oder Interessen mit, die nützlich sein können. Es geht also mehr darum, sich kennen zu lernen, als die Freiwilligen zu schulen.

Kritiker werden sagen, die Stadt übernehme eine Aufgabe, die durch Private getragen werden sollte. Warum finanziert die Stadt dieses Projekt?

Die Stadt finanziert das Projekt im Rahmen eines Piloten. Danach soll eine eigenständige Trägerschaft oder eine Organisation das Projekt übernehmen. Noch offen ist, ob eine Leistungsvereinbarung möglich sein wird. Die Stadt geht davon aus, mit diesem Projekt langfristig Geld zu sparen. Wenn die Leute länger zuhause leben können, ist das kostengünstiger. Mehr Infos zum Pilotprojekt „Nachbarschaft“ der Stadt Bern finden Sie auf www.nachbarschaft-bern.ch

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